DW Die Wohnungswirtschaft

B&O führt Holzgeschossbau zur Serien-reife. Ein Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit.

Auf dem Areal der ehemaligen US-Kaserne im bayerischen Bad Aibling entwickelt die B&O Wohnungswirtschaft GmbH + Co. KG seit 2006 das sogenannte Parkgelände, dessen zentraler Bestandteil das B&O-Projekt „Bauen mit Holz bis zur Hochhausgrenze“ ist. Im Rahmen des Förderkonzeptes „Energieeffiziente Stadt“ des Bundeswirtschafts-
ministeriums und anhand des Leitbildes „Nullenergiestadt“ entsteht einer der bedeutendsten Standorte des experimentellen Wohnungs- und Städtebaus. Ein erstes viergeschossiges Haus aus vorgefertigten Massivholzbau-elementen, das ohne jegliche Betonteile auskommt, steht bereits.

Der technische Dienstleister für die Wohnungswirtschaft B&O (siehe den ausführlichen Bericht auf den voranstehenden Seiten) realisiert auf dem rund 70 Hektar großen Gelände im Rahmen des Förderkonzepts „Energieeffiziente Stadt“ als Pilotprojekt ein viergeschossiges Gebäude auf Basis des neu entwickelten Bausystems aus vorgefertigten Massivholzbauelementen für Geschosswohnungsbauten.

Holz ist im Geschosswohnungsbau alles andere als üblich und gilt gemeinhin nicht als das ideale Material für den Stadtraum. Mit dem Pilotprojekt soll gezeigt werden, dass Holz auch bei Geschosswohnungsbauten im urbanen Raum durchaus Beton, Stahl und Ziegel ersetzen kann – schließlich werden Nachhaltigkeit sowie ressourcenschonende und gesunde Materialien immer wichtiger. Anfang Mai war Baubeginn des ersten viergeschossigen Holzhauses. Weitere Holzhäuser sollen in Kürze folgen. Die Geschosshöhe des Gebäudes liegt bei 3,20 Meter, die lichte Höhe der Wohnungen beträgt 2,80 Meter. Das Gebäude setzt auf dem Kellergeschoss eines zuvor abgerissenen Kasernengebäudes auf.

Da man Mieter heutzutage nicht mehr zwangsläufig in auf jedem Geschoss identischen Wohnungen unterbringen muss, wurden verschiedene Wohnungsgrößen in unterschiedlichen Standards realisiert. Mit variablen Grundrissen soll individuellen Wünschen entsprochen werden. Dies kommt auch in der Fassade zum Ausdruck. Bei den Balkonen wurde von vornherein auf Abstand voneinander geachtet, so dass die Wohnungsnutzer sich gegenseitig nicht stören. Die loggienartige Ausbildung mit Seitenwand und Dach verhindert zudem gegenseitige Einblicke. Auf diese Weise entsteht ein hohes Maß an Privatheit auch im Außenbereich.

Idealer Baustoff

Das gesamte Gebäude einschließlich des Aufzugsschachts und der Balkone besteht aus Holz. Es ist in sich selbst ausgesteift und kommt ganz ohne die stützende Wirkung eines Betontreppenhauses aus. Die offene Stahltreppe stellt die einzige Ausnahme dar. Die Wandoberfläche dahinter besteht nicht aus Holz, sondern aus Putz. Beides ist dem Brandschutz geschuldet. Holz als Baustoff ist natürlich, nachwachsend und nachhaltig. Er hat viele weitere Vorteile: Die Akzeptanz von Holz als Konstruktionsmaterial beziehungsweise als Oberflächenmaterial bei den potenziellen Nutzern ist hoch, so dass B&O mit einer großen Nachfrage bei Mietern rechnet. Durch ihre feuchtigkeitsregulierende Wirkung sorgen die Materialien Holz und Gips für ein angenehmes, gesundes Raumklima. Zudem kann die haptische Qualität von Holzoberflächen beispielsweise großvolumigen Gebäuden etwas von ihrer Härte nehmen. Die Holzschalung des Gebäudes sollte die natürliche Farbe des Holzes behalten und ist daher farblos imprägniert. Bei der Holzbekleidung des Aufzugsturmes wurde ein Anstrichsystem mit zehnjährigem Wartungsintervall eingesetzt.

Da man mit Holzbauten im Geschosswohnungsbereich in vielen Bereichen Neuland betritt, ließ sich das Planungsteam durch das ift-Schallschutzzentrum beziehungsweise die Hochschule Rosenheim sowie durch die TU München unterstützen. Insgesamt wurden im Musterhaus rund 250 Kubikmeter Holz verbaut und damit zirka 250 Tonnen CO2 der Erdatmosphäre auf lange Zeit entzogen.

Bauzeit und -qualität

Wenn der Faktor Arbeit beziehungsweise die Arbeitszeit immer teurer wird, spielt das rationelle Bauen eine zunehmend wichtigere Rolle. Eine kurze Bauzeit bei der Nachverdichtung oder bei Ersatzbauten ist ein entscheidender Vorteil. Bei dem Pilotprojekt wurden vier Geschosse in vier Tagen aufgestellt. Speziell im dichten städtischen Raum ist dies von Bedeutung, da Anwohner nur kurz von großem Baugerät belästigt werden. Die Basis für einen rationellen Bauablauf ist jedoch eine umfassende Vorfertigung großer Bauteile im Werk der Zimmerei Huber & Sohn aus Bachmehring. Sie bringt neben der schnellen Bauzeit und niedriger Baukosten zudem den Vorteil geringerer Fertigungstoleranzen und exakterer Bauausführung mit sich.

Die vorgefertigten Fassadentafeln bieten – neben dem auf diese Weise ermöglichten rationellen Bauablauf – außerdem in Bezug auf die gebäudetechnische Ausstattung viele Möglichkeiten. Neue Technologien lassen sich im Werk leichter einbauen als bei einer klassischen Bauweise auf der Baustelle. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte „Aktive Gebäudehülle“. Mit hoher Fertigungsqualität können im Werk Lüftungsanlagen integriert oder die Außenhülle solar aktiviert werden.

Die tragenden und aussteifenden Wandelemente können bis zu zwölf Metern Länge hergestellt werden und bestehen aus senkrechten Kanthölzern, die dicht beieinander auf einer Schwelle stehen und oben mit einem Rähm (oberer Abschluss einer Fachwerk- oder Holzrahmenkonstruktion) verbunden sind. Sie können aber bei geringerer Last auch mit Abstand zueinander gestellt werden. Die Wände sind in der Vertikalen hoch belastbar und können mehrere Geschosse über sich tragen. Durch Gipsfaserplatten sind sie gegen Brand geschützt. Dadurch werden sie zu Scheiben im statischen Sinn, sie sind also auch diagonal belastbar und können das Gebäude aussteifen. Diese Wände werden als Innenwand genauso wie als Außenwand gefertigt. Die Außenwand ist dann mit einem 16-24 Zentimeter starken Dämmmaterial versehen und bietet besten Kälte- und Hitzeschutz. Für das äußere Erscheinungsbild des Holzgebäudes besteht freie Wahl.

Die Verwendung von vorgehängten Fassaden, speziell Holzschalungen, kommt der Herstellung von kompletten Wandbauteilen mit fertiger Außenschale und eingebauten Fenstern entgegen. Eventuell nötige Jalousien sind ebenfalls schon installiert. Die Decken bestehen aus stehend miteinander zu 60 Zentimeter breiten Stapeln verleimten Brettern. Diese werden dann im Werk zu 1,80 Meter breiten Deckenelementen verbunden. Nach dem Verlegen auf der Baustelle werden sie dann untereinander gekoppelt, um Deckenscheiben für die Aussteifung des Gebäudes auszubilden.

Entgegen der Wände werden die Decken ohne Gipsbeplankung eingesetzt. Das Holz bleibt von unten sichtbar. Die Decken werden lediglich hell lasiert. Die Dachelemente sind 2,4 Meter breit und bestehen aus je fünf Brettschichtholz-Balken, deren Zwischenräume auf der ganzen Höhe – also zirka 30 Zentimeter – ausgedämmt sind. Oberseitig ist eine Lage Sperrholz aufgebracht. Hier werden die Elemente auch zu einer statisch wirksamen Scheibe gekoppelt. Die Unterseite ist werkseitig mit einer Dampfsperrbahn belegt, die nach der Montage der Elemente dicht verklebt wird. Es handelt sich dabei um eine variable Dampfsperrbahn, die im Sommer für das Austrocknen eventuell eingedrungener Feuchte sorgt und damit ein Höchstmaß an Sicherheit für die Dachkonstruktion bietet. Nach der Elektroinstallation auf der Baustelle wird die Unterseite mit genuteten Brettern verschalt. Auch hier wird die Untersicht hell lasiert. Obenauf liegen im Gefälle verlegte Dämmplatten und schließlich eine im Werk zu einem Stück konfektionierte, UV-beständige EPDM-Bahn als Dachabdichtung. Auch der Aufzugsturm ist aus Brettsperrholzplatten gefertigt und wird am Stück auf die Baustelle gebracht. Das Gleiche gilt für die außen angesetzten Loggien, die aus kesseldruck-imprägniertem Furnierschichtholz bestehen.

Innovative Lüftung mit Wärmerückgewinnung

Jede Wohnung ist mit einer dezentralen Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ausgestattet – dies reduziert wirkungsvoll den Gehalt von gesundheitsbelastenden Stäuben und Pollen in der Raumluft und verringert zudem den Energiebedarf der Wohnungen. Die Frischluft wird in der Fassade angesaugt. Lüftungsleitungen in einer abgehängten Decke in Bad und Flur bringen die Zuluft in die einzelnen Räume. Die Abluft wird in Bad und Küche abgesaugt und nach dem Entzug der Wärme im Sammelkanal hinter dem Aufzug über das Dach ausgeblasen. Bei den südlichen Wohnungen erfolgt dies über einen kombinierten Außen- und Fortluftkanal. Die Lüftungsanlagen selbst sind in den Bädern im Waschbereich neben Waschmaschine und Trockner untergebracht. Der Waschbereich ist durch einen Schrank zum Beispiel mit einem einfachen Vorhang abgetrennt. Die lichte Höhe in den Bädern und Fluren beträgt immer noch 2,40 Meter.

Da das Musterhaus noch experimentellen Charakter zeigt, werden verschiedene Heizungs- und Steuerungssysteme eingesetzt. Das Gebäude hat einen jährlichen Primärenergiebedarf von 22 Kilowattstunden pro Quadratmeter sowie einen jährlichen Endenergiebedarf von 33 Kilowattstunden pro Quadratmeter und ist an das Nahwärmenetz des Parkgeländes angeschlossen. Mit einer Dreifachverglasung bei den Fenstern lässt sich dies noch wesentlich verbessern. Die Baukosten betragen bei diesem kleinen, turmartigen Gebäude, das eher als Technologieträger zu sehen ist, rund 2.000 Euro je Quadratmeter. Bei den üblichen Gebäudegeometrien in Wohnungswesen lassen sich die Baukosten auf 1.500 Euro je Quadratmeter drücken.

Holz auch für Bestandsmaßnahmen nutzbar

Die physikalische Eigenschaft des Naturmaterials Holz und die präzise Vorfertigung sorgen für eine gute Wärmedämmung und ein besonders hohes Energiesparpotenzial. Auch Fassadensanierungen lassen sich mit vorgefertigten Tafeln sehr schnell und wenig störend für die Bewohner und Nachbarn realisieren. Bei einem vor gut einem Jahr auf dem B&O-Parkgelände sanierten Gebäude wurden zusammen mit der Holzbaufirma Huber & Sohn Fassadenelemente eingesetzt. Die Bad Aiblinger Aktivitäten der Holzbau-Vorreiter machen deutlich, dass Holzbau schon längst nicht mehr mit Blockhütten oder exotischen Gebäuden in Verbindung gebracht werden muss, sondern vielmehr ein vielseitig einsetzbarer Baustoff ist, der ein erhebliches Potenzial für den Geschossbau und die Bestandserneuerung hat.

Autor: Arthur Schankula

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